Zwangsräumung mit 80 Jahren

Gestern, am 09. Februar, war der Zwangsräumungstermin unseres Nachbarn Manfred. Mit 80 Jahren muss er nun das Haus in der Koblenzer Straße 9 verlassen, in dem er seit seiner Geburt gelebt hat. Das Gallus ist Manfreds Leben. Er ist im Gallus zur Schule gegangen und hat über 40 Jahre im Güterbahnhof als Gabelstaplerfahrer gearbeitet, bis er nach einem Schlaganfall frühzeitig in Rente gehen musste. Damit hat er, wie wohl kaum eine andere Person erlebt, wie sich das Gallus über die Jahre verändert hat.

Manfred hatte sich mit der Bitte um Unterstützung an das Solidarische Gallus gewandt. Seitdem haben wir versucht, Manfred soweit wie möglich zu unterstützen. Die Wohnung befindet sich in einem miserablen Zustand, da notwendige Renovierungsarbeiten seit Jahren nicht vorgenommen wurden. Dennoch hätte Manfred von allein nie daran gedacht sie zu verlassen und zeigte sich uns gegenüber entschlossen die Zwangsräumung abwenden zu können. Gemeinsam versuchten wir an die Vermieter zu appellieren, die Zwangsräumung zumindest auszusetzen bis eine neue Wohnung gefunden wird. Dies wurde jedoch ebenso abgelehnt, wie das Angebot seitens des Sozialrathauses der Stadt Frankfurt die Mietrückzahlungen zu übernehmen, damit Manfred in der Wohnung bleiben kann. Die Suche nach einer geeigneten Wohnung dem überlasteten Frankfurter Wohnungsmarkt und dem akuten Zeitdruck allerdings aussichtslos. Um die Obdachlosigkeit zu verhindern, wird Manfred jetzt vorübergehend in einem Pflegeheim untergebracht.

Wie Manfred sind wir sauer auf Eigentümer*innen, die Profitinteressen dem elementaren Grundbedürfnis nach Wohnen überordnen, auf eine Stadtpolitik, die solch ein Handeln forciert, sozialen Wohnungsbau vernachlässigt und Zwangsräumungen verwaltet und durchsetzt. Wir wollen uns nicht damit abfinden, in einer Gesellschaft leben zu müssen, in der Verdrängung, Entmietungen und Zwangsräumungen Alltag sind.

Diese Alltäglichkeit ist vielen Menschen in Frankfurt nicht bewusst, in der Regel geschehen sie abseits jeder Öffentlichkeit. Allzu häufig wird die Verantwortung dabei den Betroffenen zugeschobenen, anstatt sich mit den komplexen strukturellen Ursachen auseinanderzusetzen. Auf diese Missstände wollen wir aufmerksam machen und die Vereinzelung der Betroffenen überwinden! Daher rufen wir zum nachbarschaftlichen Austausch darüber auf, was wir dem solidarisch entgegensetzen können.